Aus unserem Leben – 28. Mai 2016

Launch von EUPATI Schweiz am 3. Februar 2016 in Bern - Was will EUPATI?

Die Europäische Patientenakademie zu therapeutischen Innovationen (EUPATI 1) hat sich zum Ziel gesetzt, Ausbildungsmaterial zu entwickeln, welches Patienten und deren Organisationen wissenschaftlich fundiert, objektiv und in verständlicher Form über Forschung und Entwicklung in der Pharmazie informiert. Patienten sollen befähigt werden, ihre Rolle als Fürsprecher und Berater wahrzunehmen, und dies sowohl gegenüber ihrem Arzt, aber auch bei einer Beteiligung an klinischen Studien und schliesslich auch gegenüber Zulassungsbehörden und Ethik-Kommissionen.

Das Ziel des auf fünf Jahre angelegten EUPATI Projekts ist eine wegweisende, hoch qualifizierte und objektive Ausbildung von Patienten auf dem Gebiet therapeutischer Innovationen. Sie soll Patienten zur Mitwirkung und zur Mitsprache befähigen bei Themen wie Entwicklung und Erprobung neuer Medikamente, bei der Arzneimittelsicherheit sowie beim Zugang zu Therapien. Patienten als Laien im Gesundheitssystem sowie schwer erreichbare Patientengruppen sollen besser informiert werden, indem das öffentliche Bewusstsein für die Entwicklung neuer Therapien gefördert wird. Ziel ist, dass Patient, Arzt, Pflegepersonal aber auch die Forscher bei klinischen Studien auf Augenhöhe miteinander kommunizieren und dass die medizinische Behandlung zu einem gemeinsamen Projekt wird. Für mündige Patienten wird so eine medizinische Behandlung oder auch der Einbezug in einen klinischen Versuch eine Zusammenarbeit zwischen gleichwertigen Partnern, mit vollem Informations- und Mitspracherecht. Hierzu gehören insbesondere Patientenrechte bei klinischen Versuchen, aber auch der informed consent 2 bei Test und Behandlung.

 

Notwendigkeit auch in der Schweiz erkannt

Diese Anliegen sind mittlerweile auch bei uns ein Thema. Gleich drei Postulate [Kessler (12.3100), Gilli (12.3124) und Steiert (12.3207) 3] befassen sich auf parlamentarischer Ebene damit:

«In struktureller Hinsicht existiert keine Dachorganisation, die repräsentativ und aufgrund ihrer Ressourcenausstattung die verschiedenen Patienteninteressen bündeln und diese stellvertretend für die diversen Patientenorganisationen in gesundheitspolitischen Prozessen einbringen kann. Erschwerend kommt hinzu, dass die einzelnen Organisationen aufgrund der knappen personellen und finanziellen Mittel oft nicht in der Lage sind, sich in die vielfältigen gesundheitspolitischen Themen vertieft einzuarbeiten und dementsprechend auf Bundes- und Kantonsebene zu den zahlreichen Vorlagen Stellung oder in allen relevanten Gremien Einsitz zu nehmen.»

In der Tat gibt es in der Schweiz viele Patientenorganisationen. Leider sind sie wenig vernetzt und meist auf bestimmte Krankheiten fokussiert. Wegen knapper Ressourcen können sie nur sehr beschränkt agieren bzw. öffentlich in Erscheinung treten. Ein nationales Netzwerk wie es EUPATI sein möchte, könnte diese besser miteinander verbinden und stärken und ihnen ein einheitlicheres Auftreten gegenüber Behörden, der pharmazeutischen Industrie und der Öffentlichkeit ermöglichen. EUPATI möchte den Patienten helfen, sich gezielter zu bilden und zu effizienten Beratern in der medizinischen Forschung zu werden. Dazu hat EUPATI umfassendes Unterrichtsmaterial entwickelt in der Form einer internetbasierten Toolbox, einer Online-Bibliothek und eines Experten-Ausbildungsprogramms. In einigen europäischen Ländern kümmern sich solche nationale Plattformen bereits jetzt erfolgreich um die Verbreitung und Nutzung dieser Unterrichtsmittel.

 

Gründung der Schweizer EUPATI-Plattform

Seit zwei Jahren arbeitet in der Schweiz ein „National Liaison Team“ als Ad-Hoc-Arbeitsgruppe an der Planung einer Schweizer EUPATI-Plattform. Der offizielle Gründunganlass der Schweizer EUPATI-Plattform fand nun am 3. Februar 2016 im Berner Hotel Ador statt. Rund 100 Personen von Patientenorganisationen, aber auch aus der Forschung, der pharmazeutischen Industrie und von Behörden haben teilgenommen. Die SCTO hat durch ihre professionelle (sowohl personelle wie materielle) Unterstützung von Anfang an ganz wesentlich zum Aufbau der nationalen Organisation und zum Erfolg dieses Gründungsevents beigetragen. Auch die aktive Unterstützung durch das Schweizerische Heilmittelinstitut SWISSMEDIC war sehr willkommen.

Ziele von EUPATI Schweiz ist das Bekanntmachen des EUPATI Projektes und seiner Vorteile als nationales Netzwerk, das Verbreiten der EUPATI Weiterbildungsmaterialien, dann aber auch die Unterstützung von Patienten und der Öffentlichkeit beim Engagement von EUPATI Aktivitäten sowie das Stimulieren der nationalen Debatte über die Patienteneinbindung in der Arzneimittel-Forschung und -Entwicklung. Damit hofft EUPATI Schweiz sich als nachhaltiger Partner sowie auch als Gesprächspartner bei der Entwicklung von relevanten Gesundheits-Themen in Politik und Praxis zu etablieren, durch Entwickeln von Konzepten für eine gemeinsame Kommunikation und durch die Planung von Weiterbildung und Events. Dabei sollen auch die sozialen Netzwerke genutzt werden.

Das BAG, am Eröffnungsanlass vertreten durch die Vizedirektorin Dr. Andrea Arz de Falco, Leiterin des Direktionsbereiches Öffentliche Gesundheit, unterstützte in ihrer Ansprache dieses Anliegen:

«Zunehmend wurde jedoch in Auseinandersetzung mit den etablierten Playern im Gesundheitswesen erkannt, dass es unbedingt der Professionalisierung bedarf, wenn Patientinnen und Patienten sich bei ihnen Gehör verschaffen wollen. Eine der neueren Initiativen auf diesem Feld, und damit komme ich zum heutigen Anlass, ist deshalb EUPATI, European Patients' Academy on Therapeutic Innovation. Hier liegt der Fokus im Rahmen der allgemeinen Thematik des Patient Empowerment bei der Forschung, insbesondere der Entwicklung von Medikamenten. Das Ziel der Initiative ist, den Patientinnen und Patienten:

«wissenschaftlich fundierte, objektive und verständliche Informationen über Forschung und Entwicklung von Arzneimitteln zukommen [zu] lassen. Sie wird die Patienten zunehmend befähigen, als gut informierte Fürsprecher und Berater aufzutreten, z. B. in klinischen Studien, gegenüber Zulassungsbehörden und Ethik-Kommissionen. (Zitat aus der EUPATI-Webseite).»

 

Was sind die Ziele der Schweizer Plattform?

EUPATI möchte ein Netzwerk aufbauen, das Patientenorganisationen besser miteinander verbindet und stärkt und ihnen damit ein gemeinsames und wirkungsvolleres Auftreten gegenüber Behörden, der pharmazeutischen Industrie und der Öffentlichkeit ermöglicht. Beim Bund und insbesondere beim BAG, renne man – wie Frau Arz de Falco ausführte – damit offene Türen ein. Die Stärkung der Versicherten sowie der Patientinnen und Patienten sei eines der grossen Ziele innerhalb von «Gesundheit 2020», der umfassenden Strategie des Bundes für das Gesundheitswesen. Diese umfasst die folgenden Massnahmen:

  • Stärkere Berücksichtigung der Versicherten und Patienten/-innen in gesundheitspolitischen Prozessen;
  • Stärkung der Gesundheitskompetenz und der Selbstverantwortung;
  • Stärkere Berücksichtigung der Rechte von Patientinnen und Patienten.

Patientinnen und Patienten seien – wie Frau Arz de Falco ausführte – oft nur unzureichend über ihren Gesundheitszustand und über Behandlungsmöglichkeiten informiert und hätten praktisch keinen Einfluss auf die Entwicklung von verbesserten Arzneimitteln und Therapien. Hier könne EUPATI einen wesentlichen Beitrag leisten.

 

Wie geht es nun konkret weiter?

Wie sollen diese Ziele erreicht werden? Vorerst geht es um den Aufbau des nationalen EUPATI-Netzwerkes unter Berücksichtigung der lokalen Bedürfnisse und Sprachen, mit Einbezug der Interessengruppen und Institutionen. Die Schweizer EUPATI-Plattform möchte Ansprechpartner sein für die verschiedenen Akteure (Forschung & Entwicklung, Behörden und Ethikkommissionen) und regelmässig entsprechende Events und Workshops durchführen, um Informationen über aktuelle Themen von nationalem Interesse zu verbreiten und den Patienten-Einbezug wie auch den Dialog mit wichtigen Playern wie Ethik-Komitees, Behörden, Sponsoren und Forschung (sowohl die akademische wie auch die pharmazeutische) zu fördern. Dabei sollen auch die Debatte über die Patentenbeteiligung und –Rechte angestossen und Partnerschaften bei Forschung und Entwicklung von Medikamenten stimuliert werden.

Konkret heisst dies, dass vorerst aus der kleinen Ad-Hoc-Projektgruppe ein Verein nach Schweizer Vereinsrecht aufzubauen ist mit Statuten, Vorstand, Sekretariat, Mitgliedern, regelmässigen Sitzungen, jährlicher GV, einer Webseite, etc. Im Vorstand sollen nebst Patientenvertretern auch Vertreter von Behörden, Forschung und der pharmazeutischen Industrie mitarbeiten. Sodann wird die eigentliche Arbeit darin bestehen, ein Netzwerk aufzubauen, Arbeitsprogramme auszuarbeiten, Ausbildungen, Workshops, Events, etc. zu organisieren und die längerfristige Finanzierung durch entsprechendes Sponsoring sicherzustellen.

 

Die Krux mit dem Sponsoring

Das letztgenannte Thema – Sponsoring und Fundraising – erfordert besondere Umsicht und Sorgfalt, geht es doch darum dass eine solche Patientenorganisation weiterhin unabhängig bleibt und jegliche Fremdbestimmung vermieden wird. Die Schweizer EUPATI-Plattform konnte zwar von einer Anschubfinanzierung für die ersten zwei Jahre von EUPATI-Europe profitieren, sollte aber nachher weitgehend finanziell selbständig werden. Die grosse Unterstützung von EUPATI-Europe bleibt jedoch weiterhin die Bereitstellung der Informationsmaterialien und die angebotene Schulung. Die Unterstützung nationaler Patientenorganisationen von Seiten der Behörden wird wohl eher eine moralische denn eine materielle bleiben. Aus Mitgliederbeiträgen, sofern solche in den Statuten überhaupt vorgesehen sind, lässt sich eine Organisation wie EUPATI Schweiz nicht finanzieren. Es bleiben somit als Sponsor vor allem die pharmazeutische Industrie, in einem beschränkten Ausmass auch die nationalen Akademien und eventuell (projektbezogen) weitere Akteure.

Es liegt auf der Hand, dass die pharmazeutische Industrie gewinnbringend arbeiten muss, um einerseits ihre Aktionäre zufriedenzustellen, um dem Kader ihre Löhne und Boni zu bezahlen und nicht zuletzt auch um die grossen Beträge, die sie in die Forschung steckt, wieder einzuholen. Dass diese Forschung viel Geld kostet – denn von den vielen Medikamenten, die am Anfang einer Erprobung stehen, werden am Schluss nur ganz wenige als Medikamente schliesslich auch zugelassen – liegt auf der Hand. Als Patienten sind wir einerseits dankbar, denn viele von uns würden ohne die grossen Vorschritte in der Pharmaforschung nicht überleben, die pharmazeutische Industrie «profitiert» also von unserem Überleben, denn wir sind – solange wir leben – deren wichtigste Kunden. Auf der andern Seite sind wir aber auch über die teilweise horrenden Preise für gewisse Medikamente schockiert und fragen uns, ob und wieweit diese gerechtfertigt sind.

Mittlerweile nimmt die pharmazeutische Industrie uns Patienten auch als Menschen wahr; im Gegensatz zu den Behörden, für die wir bisher nur Futter für ihre Statistiken sind. Dass dieses Interesse der pharmazeutischen Industrie an uns Patienten nicht nur menschenfreundliche Hintergründe hat, wissen wir auch. Auf der andern Seite ergibt sich aber hier die Möglichkeit einer Zusammenarbeit die beiden Seiten etwas bringt. Die Industrie kann ihre Produktion besser auf die Bedürfnisse des Marktes (sprich der Patienten) abstimmen und der Patient erhofft sich Verbesserungen bei der Behandlung und in Bezug auf seine Lebensqualität. Eine solche Zusammenarbeit bedingt aber auch, dass deren Spielregeln von Anfang klar festgelegt und auf die Bedürfnisse beider Seiten abgestimmt werden, und zwar so, dass die Patientenorganisationen ihre Unabhängigkeit bewahren können. Die Bedeutung dieses Aspektes war uns von Anfang an klar und wir sind am Überlegen, wie solche Zusammenarbeiten strukturiert werden sollten. Der Leser wird daher unsere Verärgerung verstehen, wenn gewisse Journalisten der Schweizer EUPATI-Plattform bereits nach der Gründung vorwerfen, von der Pharma-Industrie gesteuert zu sein, und dies nota bene bevor überhaupt erste offizielle Kontakte mit Pharmavertretern stattgefunden haben.

Hansruedi Völkle / April 2016

 

Links:
http://www.scto.ch/de/Veranstaltungen/Patient-Empowerment/EUPATI-CH-Gruendung-3-Februar-2016.html
http://www.srf.ch/gesundheit/gesundheitswesen/umstrittene-patientenschulung-wer-profitiert-von-eupati
https://www.eupati.eu/de/eupati-landesplattform-schweiz/


1 http://www.patientsacademy.eu/index.php/en/
2 https://depts.washington.edu/bioethx/topics/consent.html
3 https://www.google.ch/search?q=Postulat+Patienteneinbezug&ie=utf-8&oe=utf-8&gws_rd=cr&ei=PsXzVvzUIYPm6AT0oIToAg
4 SCTO = Die Swiss Clinical Trial Organisation ist die zentrale Kooperationsplattform für die patientenorientierte, klinische Forschung in der Schweiz. Die Trägerschaft umfasst die grossen Spitäler der Schweiz, die Dekane der medizinischen Fakultäten, sowie die SAMW. Adresse: Swiss Clinical Trial Organisation. Petersplatz 13, 4051 Basel: http://www.scto.ch/de/Aktuell.html