Therapie & Gesundheit – 07. September 2018

Barrieren durchbrechen und Brücken bauen: Aids Konferenz 2018 Amsterdam

AIDS 2018 Community: Kriminalisierung von HIV - Thailändische Polizeitruppe nahm symbolische Verhaftungen vor.


Mehr als 15‘000 Delegierte aus 160 Ländern nahmen im Juli an der 22. Internationalen Aids Konferenz in Amsterdam teil, um Forschungsergebnisse, Erfahrungen und Erkenntnisse rund um HIV auszutauschen. Mit Mädchen und jungen Frauen, Gefangenen, Drogengebrauchenden und LGBT standen auch 2018 vulnerable Gruppen im Zentrum. Transgender waren sichtbarer als je zuvor - beispielsweise trat Conchita Wurst an der Opening Ceremony auf und auch sonst sah, hörte und traf man Transgender im Global Village, in Sessions und findet sie in den Videos. Auch die HIV-Jugend war in Amsterdam stark vertreten und bildet eine neue Generation des Aktivismus zu HIV und HCV.

Eine Vorkonferenz hiess mysteriös U=U: „Undetectable equals Untransmittable“ (dt. nicht nachweisbar bedeutet nicht übertragbar). Kampagnengründer Bruce Richman erklärt, dass man von undetectable spricht, wenn durch erfolgreiche Therapie HIV im Blut nicht nachweisbar ist. Und inzwischen ist bekannt, dass wenn das Virus nicht nachweisbar ist, es auch nicht übertragbar ist. Die U=U Kampagne verlangt einmal mehr Zugang für alle zur HIV-Behandlung. Für Richman ist „die Erkenntnis von U=U zu verbreiten die einmalige Chance, das hartnäckige Stigma und Selbststigma, unter dem wir seit Jahrzehnten leiden, endlich aufzulösen. Sie macht uns frei.“ Dass Personen wie auch Institutionen weltweit noch immer das Risiko der HIV-Übertragung betonen, sieht er als Menschenrechtsverletzung und verpasste Chance, die doppelte Epidemie von HIV und Stigma zu beenden. Für Aktivistin Eliane Becks bedeutet U=U: „Frauen mit HIV können endlich stillen – Hallelujah für Mütter!“

Es gibt keine Gründe mehr, HIV zu kriminalisieren, weil Prävention sich auf Wissenschaft stützt – nicht auf Stigma. Diese Kernbotschaft des U=U mit all ihren Konsequenzen fand sich in unterschiedlichen Formulierungen und Darstellungen auf Shirts und Plakaten der Demonstration: „Chase the virus – not people“.

Hohe Anzahl Neuinfektionen
Eine Zahl ist deutlich zu hoch: Weltweit gibt es noch immer 1,9 Mio. Neuinfektionen pro Jahr! In Südafrika ist die Wahrscheinlichkeit, sich mit HIV zu infizieren für Mädchen und junge Frauen nach wie vor 3 x grösser als bei den gleichaltrigen Buben und jungen Männern! Solange sexuelle Gewalt und Ausbeutung, Beschneidungen, Zwangsheiraten und weitere Praktiken, die die Menschenrechte von Mädchen und Frauen mit Füssen treten, in vielen Ländern als „unsere Kultur“ legitimiert und praktiziert werden, kann die Zahl der Neuinfektionen nicht zurückgehen. Frauen stellen noch immer mehr als die Hälfte der 36 Mio. Menschen mit HIV weltweit, sind jedoch ungenügend erforscht. An einem Symposium forderten sie darum, frauenspezifische Lücken in der HIV-Forschung zu schliessen: Mütter mit HIV mit ihren Kindern, Menopause, frauenspezifische Anliegen an Behandlung und Medikamente und den Einbezug von Frauen in die Forschung auf allen Ebenen. Aktivistinnen der European Aids Treatment Group stellten mit „Metrodora“ ein Projekt zum Einbezug von Frauen in die Forschung vor. Ihre Wunschliste umfasst Studien zu reproduktiver Gesundheit, zur Toleranz der Frauen für Darunavir und Cobisistat, zum Stillen für Mütter mit HIV, zur Impfung von HPV, und das Herausarbeiten von frauenspezifischen Aspekten in HIV-Kohorten. An der Konferenz waren Frauen omnipräsent, nicht nur als Teilnehmende, sondern in allen Funktionen von der Transgender-Aktivistin über die zahllosen Fachfrauen bis hin zur Konferenz-Vorsitzenden Linda Gail-Bekker und zur hölländischen Ministerin für Entwicklungszusammenarbeit Sigrid Kaag.

Community, die sich durch gelebte Diversity auszeichnet
Das Global Village war einmal mehr die Heimat der Communities und für alle frei zugänglich. Zahllose kulturelle, partizipative und offene Anlässe fanden in Form von Präsentationen, Sessions, Film- oder Theatervorführungen, Workshops, Networking—Events oder Diskussionen statt. Beispielsweise dramatisierte eine Gruppe von fünf Asiatinnen originell den Unsinn der Kriminalisierung von HIV: zur Freude aller marschierten und beeindruckten sie uniformiert als Polizeitruppe, mit Trillerpfeife und im Stechschritt, um bestimmte Personen an Regierungsständen symbolisch zu verhaften. Junge Aktivistinnen luden täglich zur „Bad Pharma Tour“, bei der sie mit Megaphon interessierte Delegierte von einem Pharmastand zum nächsten führten, um dort die jeweiligen Vergehen aufzuzählen: falsche Versprechungen, irreführende Informationen oder gar Lügen sowie masslose Gier.

Mit dem Prudence Mabele Preis wurde erstmals ein Preis für „gender justice and health equity“ verliehen. Die südafrikanische Aktivistin Prudence Mabele gründete das Positive Women Network und starb 2017 an einer Lungenentzündung. Der Preis zeichnet Projekte bzw. NGOs aus, die sich im Bereich Gendergerechtigkeit und gleichberechtigtem Zugang zur Gesundheitsversorgung engagieren. Wie zahlreiche Redner will Pieter Piot, Ex-Unaids-Direktor, dass sich die Aids-Bewegung zu einer Globalen Gesundheitsbewegung weiterentwickelt. Gesundheitsdienstleistungen können und dürfen sich nicht auf HIV beschränken, sondern sollen umfassend und für alle zugänglich sein.

Gesetze gegen die eingangs erwähnten vulnerablen Gruppen und die Kriminalisierung von HIV wurden als „schlechte Gesetze“ angeprangert, da sie wirksame HIV-Prävention verhindern und Stigma und Diskriminierung verstärken. Diese komplexen Zusammenhänge werden mit der „Amsterdam Affirmation“ in vielen Sprachen aufgezeigt und können von allen unterzeichnet werden, die damit einverstanden sind.

Auftritte und Gespräche mit Prinz Harry, Elton John, Bill Clinton oder Charlize Theron lassen sich im Netz auch im Nachhinein noch miterleben. Auch Nelson Mandelas Worte hörten wir mehrfach: “Es ist nie zu spät, das Richtige zu tun.”

 

Romy Mathys / August 2018

 

Videos zur Aids Konferenz

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Amsterdam Affirmation

U=U im Netz: https://www.preventionaccess.org